Ich und Ich

Gedanken, Leben

„Wir leben mehr für die Welt draußen als für uns selbst.“ (Henri Bergson)

Ein Zitat unter vielen, das ich vor einigen Tagen in einer Zeitschrift entdeckt habe. Ich las es, hielt kurz inne, beruhigte mein Gewissen mit einem überzeugenden „Ich doch nicht!“ und wollte schon weiter blättern. Da meldete sich eine stumm geglaubte Stimme aus der tiefsten Ecke meines Kopfes und fragte süffisant: „Entschuldigung, aber warum braucht dein selbst gemachter Smoothie erst einen Hashtag bevor du ihn trinken kannst?“

Ich stockte. Und dann erinnerte ich mich an meine Nichts-geht-ohne-Instagram-Phase. Aber das ist doch schon längst vorbei, da musste jeder mal durch… „Wieso grinst du dann immer noch wie ein Honigkuchenpferd, wenn jemand dem Lichtkind bei Facebook ein Däumchen-hoch schenkt?“ Na, weil ich mich natürlich freue, wenn den Menschen meine Arbeit gefällt. Ich fing tatsächlich an, mich zu rechtfertigen. Doch zufrieden war dieses nagende Etwas in meinem Kopf noch lange nicht. Und so langsam begriff ich auch wieso. Ich war dabei, mir etwas vorzumachen. Ich suchte Ausreden, die gar keine waren, um einem Zeitgeist zu entgehen, den ich schrecklich verabscheute und dennoch lebte. Und so begann ich über Worte nachzudenken, die vor mir auf eine Seite gedruckt waren. Schwarz auf weiß, so stumm und doch so laut, so schmerzhaft und doch so wahr.

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Wie viel von den Dingen, die wir tun, machen wir heute tatsächlich noch für uns selbst? Und was dient vielleicht eher dem Ich, das wir vor Anderen vorgeben zu sein? Warum müssen wir jeden tollen Augenblick sofort mit der digitalen Welt teilen, statt ihn einfach nur zu genießen? Die Antwort auf diese Frage macht mir Angst. Wir erschaffen uns eine zweite Identität im World Wide Web, die unglaublich viele Freunde hat, die aufregendsten Sachen erlebt und überhaupt ein perfekt fantastisches Leben führt. Aber wie viel Wahrheit steckt da eigentlich noch drin? Wir sind jede Minute so sehr damit beschäftigt unser Spiegelbild für die Welt da draußen zu polieren, das etwas wichtiges auf der Strecke bleibt; Wir selbst und das echte Leben.

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Denn was nützen haufenweise virtuelle Daumen, wenn es keine wahre Hand gibt, die uns mal die Tränen wegwischt? Was bringt mir mein digital fantastisches Leben, wenn ich in Wahrheit grad nicht lächeln kann? Hören wir doch mal auf, uns was vorzumachen und schauen wir auf das, was wirklich im Spiegel zu sehen ist. Das kann doch nicht so schrecklich schwer sein! Haben wir früher doch auch gekonnt – ohne Internet. Und wenn der nächste wundervolle Moment vor der Tür steht, lassen wir einfach mal das Handy in der Tasche, pfeifen auf die Welt da draußen und lassen ihn rein. Einfach so und nur für uns selbst.

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Vielen Dank an eine wunderbare Freundin für dieses Shooting an einem Ort, so anders und fern und in einem Moment nur für uns.

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