Ein Eisbär in der Straßenbahn

Geschichten, Leben

Es regnete an jenem Tag. Doch das Licht der aufgehenden Sonne durchbrach die Wolkendecke und brachte die Tropfen auf meinem Fenster zum funkeln. Noch etwas müde kroch ich unter der warmen Bettdecke hervor und ging in Gedanken meine Pläne für den heutigen Tag durch. Ich wollte rausfahren, an den Rheinstrand in Niehl und an den Hafen. Zum fotografieren, zum durchatmen und weil es eben jener Tag war. Da hielt man sich besser nicht im Stadtzentrum auf. Zumindest wenn man so ist, wie ich.

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Ich packte alle Sachen, wickelte mich noch dicker in den kuscheligen Strickschal ein und machte mich auf den Weg. Als ich die Tür hinter mir schloss, schaute ich auf die Uhr.

11 Minuten nach 11.

Der Parkplatz hinter meiner Wohnung lag still und verlassen da. Der Wind wehte verdorrte Blätter über den Asphalt, doch nirgends war eine Menschenseele zu sehen. Mich beschlich ein seltsames Gefühl. Wie die Ruhe vor dem Sturm. Der Moment, in dem die Zeit still zu stehen scheint, kurz bevor alles in Chaos ausbricht.

Und das Chaos war nicht fern zu jener Zeit, aber ich war nicht dort.

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Ich sog die Ruhe mit tiefen Atemzügen ein. Ich wusste, dass ich sie mir nicht lange bewahren konnte. Denn an jenem Abend musste ich trotzdem in die Stadt. In den Sturm, in das Chaos.

Der Boden der Straßenbahn war wie gesprenkelt. Überall klebten kleine bunte Konfetti Pünktchen – die ersten Vorboten. Ich zählte die Haltestellen. Das Zentrum kam näher.

Und dann sah ich ihn.

Auf der anderen Seite der Gleise bahnte sich ein Eisbär den Weg über Rolltreppen nach unten. Kaum hatte ich ihn bemerkt, da war er auch schon verschwunden. Aber ich wusste, dass dies nur der Anfang war.

2 Haltestellen später erreichte ich mein Ziel – den Neumarkt. Mitten im Zentrum, mitten im Sturm. Kalte Nachtluft empfing mich als ich die Treppen erklomm und die U Bahnstation verließ.

Und dann hörte ich die Musik. Noch nicht in meiner Nähe, aber stetig auf dem Weg in meine Richtung. Begleitet wurde sie von Fröschen, Hasen, Prinzessinnen, Indianern, Piraten, weiteren wilden Tieren und kunterbunten Gestalten, die ich nicht identifizieren konnte. Doch über allem schwebte eine ausgelassene rosa Freuden-Wolke. Die Straßen waren erfüllt von lachenden Gesichtern und einem süßlichen Duft von Alkohol. Der Wind wehte Wortfetzen einer seltsam beschwipsten Sprache an mein Ohr, die ich nach nun einem Jahr in dieser Stadt zum größten Teil und zu meiner Verwunderung problemlos verstehen konnte.

Ich blieb stehen, um das Treiben zu beobachten und nahm den Puls dieser Stadt in mich auf, wie zuvor die Ruhe auf dem Parkplatz.

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Jener Tag war der 11. November. Ein besonderer Tag in Köln. Der Beginn der fünften Jahreszeit.

Ich wusste, dass dies nur der Anfang war und wandte mich ab. Als ich in eine ruhige Seitenstraße einbog, verblasste der Sturm hinter mir. Auf meinem Gesicht ein unbemerktes Lächeln.

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Ein Gedanke zu “Ein Eisbär in der Straßenbahn

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