Groß werden

Gedanken, Leben

Ich werde alt. Mit dem heutigen Tag, der doch eigentlich so sonnig und unschuldig erscheint, ist mein unbekümertes Teenager-Dasein endgültig beendet. Während in meiner zweiten Heimatstadt die Jecken auf den Straßen feiern, bin ich über Nacht zu einer reifen und verantwortungsbewussten erwachsenen Frau geworden, die mit beiden Beinen im Leben steht und genau weiß, wo sie hin will.

Naja, fast. Also so ein bisschen. Vielleicht.Spaß bei Seite; Natürlich fühle ich mich keineswegs anders, als noch vor 24 Stunden. Aber es gibt da Menschen, die scheinen das zu erwarten. „In deinem Alter solltest du wissen, was du tust.“ „Du bist doch kein Kind mehr.“ „So langsam musst du auf den eigenen Beinen stehen.“ Alles Sätze, die mir dann und wann begegnen. Nicht zu vergessen ist selbstverständlich auch der berüchtigte Ernst des Lebens, der nun beginnt. Wie schon so oft zuvor.

Es tut mir Leid, wenn ich an dieser Stelle den Ein oder Anderen enttäuschen muss, aber ich denke, dass ich diesen Erwartungen nicht gerecht werden kann und auch nicht will. Und ich glaube auch, dass es vielen in meinem Alter genauso geht. Wir können mit Stolz behaupten, das Abitur ohne weitere schwerwiegende Pannen gut bewältigt zu haben. Für so Manche ging es danach erst einmal ein Jahr ins Ausland. Erfahrungen sammeln, Geld verdienen, Spaß haben, sich selbst verlieren und vielleicht auch wieder finden. Andere, zu denen ich auch gehöre, sind von der Schulbank ohne Umwege ins Studium oder in die Ausbildung gestolpert. Die Einen suchten das Glück in der fernen Großstadt, die Anderen leben immer noch zu Hause. Doch egal, wohin es uns alle verschlagen hat, wir sind noch lange nicht am Ziel. Und es wäre auch schade, wenn da draußen nicht noch mehr auf uns warten würde.

Ich bin heute Nacht zwar auf meinem Personalausweis ein Jahr älter geworden, aber ich erlaube mir trotzdem zu stolpern, falsch abzubiegen oder im Kreis zu laufen. Ich nehme mir die Freiheit, auch mal nur mit einem Bein,statt mit Zweien im Leben zu stehen. Ich genieße es, in meinem Herzen immer noch ein bisschen Kind zu sein, und das hin und wieder auch ausleben zu können. Ich weiß nicht immer, was ich tue. Manchmal handle ich erst und denke dann. Und ab und zu denke ich auch gar nicht.

Ich habe kein Problem damit, zurück zu gehen und an einem gewissen Punkt neu zu beginnen, wenn der erste Abzweig nicht der Richtige war. Das ist für mich keine verlorene Zeit, sondern unermesslich wertvolle Erfahrung. Es bedeutet keine Niederlage, im Kreis gegangen zu sein, solange man stets weiter läuft und neue Perspektiven ausprobiert.

Ich erinnere mich noch gut genug an einen bestimmten Satz im Freundebuch, den wir damals alle mit leuchtenden Augen und Träumen im Kopf vervollständigt haben; „Wenn ich mal groß bin…“ Heute stehe ich hier und frage mich, wann das überhaupt ist. Physiologisch dürfte ich definitiv ausgewachsen sein, aber im Kopf? Oder im Herzen?

Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung und das ist auch gut so. Denn eigentlich kann das mit dem „Groß werden“ noch ein bisschen warten. Und um ehrlich zu sein, bin ich auch froh, dass ich mich heute nicht anders fühle als gestern, weil ich mich gestern nämlich gut gefühlt habe. Genauso wie ich es Morgen tun werde und alle Tage danach, solange ich mit mir selbst zufrieden bin.

Und dann spielt es auch keine Rolle mehr, wann ich erwachsen werde. Das wird irgendwann passieren. Nachdem ich noch öfter gestolpert, falsch abgebogen und im Kreis gelaufen bin, um Lebenserfahrung zu sammeln, die wirklich dafür sorgt, dass es geschieht.

Dass ich Groß werde. Einfach so.

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