An der falschen Ecke geschliffen

Gedanken

Political Correctness 

Wir leben mittlerweile in einer Gesellschaft der runden Ecken. Alles, was irgendwie spitz sein und verletzen könnte, wird solange gefeilt und bearbeitet, bis eine perfekt polierte Kurve entsteht, an der jeder geschmeidig vorbei gleiten kann. Bloß nirgendwo anecken, glatt und ohne Fehler – der Weg des geringsten Widerstandes. Die Worte werden geschliffen, dass keine Splitter mehr für böse Gedanken sorgen können. Minderheiten gibt es nicht mehr, denn alle sind gleich!  So sagt es das Papier. Auch wenn die Welt sich nicht immer an das Geschriebene zu halten mag, die Worte sind rund und ohne Makel. Diskriminierung und Schmerz wurden wegpoliert, ersetzt durch perfekte Begrifflichkeit. Mitleidig werden Studenten belächelt, denn nur den Studierenden gehört die Zukunft. Auch Lehrer sind bloß dunkle Schatten der Vergangenheit. Heutzutage werden Kinder nur noch von LehrerInnen unterrichtet. Von denen mit dem großem „I“ oder Binde- und Schrägstrich. Das Gendering bringt uns die Satzzeichen zurück, die durch die knappe Kommunikation in sozialen Medien beinahe auf der Strecke geblieben wären.
Und obendrauf gibt es sogar reichlich sprachlichen Neuzuwachs inklusive! „Political Correctness“, „Gender Studies“ und die Frauenquote sind nur einige Beispiele.

Ein Hoch auf runde Ecken!

Wir machen uns mittlerweile also in jedem Moment so viele Gedanken über das, was wir sagen oder schreiben, dass einfach überhaupt nichts mehr schief gehen kann. Wir schleifen und feilen bis nichts mehr bleibt, was für Konflikt sorgen könnte. Welch wunderbare Welt muss das nur sein. Eine Welt voller Frieden. Eine Welt ohne Unterschiede. Alles ist gleich rund.

Dabei bemerken wir jedoch nicht, dass wir Kreise ziehen, ohne auf den Punkt zu kommen. Wir verlaufen uns in kurviger Geschmeidigkeit ohne die Grenzen zu verstehen. Papier ist geduldig; Worte ohne Taten bleiben leer.

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Das große „I“

Was nützt es unterdrückten Frauen, wenn sie im Text nicht versetzt, im Leben aber verletzt werden? Überall auf der Welt werden Mädchen auch heute noch geschlagen, gedemütigt und misshandelt. Tagtäglich wird ihnen eingeredet, wie wertlos sie sind – aber nicht bei uns. Wir haben das große „I“. Glauben wir wirklich daran, dass ein paar Satzzeichen alles ändern können? Fangen wir mal klein an; Dass die Vergeschlechtlichung der Sprache keine realen Berge versetzen kann, dürfte klar sein. Vielleicht hilft sie aber den Frauen von nebenan, mehr im männlichen Dschungel der Arbeitswelt akzeptiert zu werden. Die Kochschürze haben wir in dem ein oder anderen Kopf leider immer noch nicht abstreifen können. Die weibliche Unterdrückung in ihrer schrecklichsten Form mal beiseite gelassen, könnte es in der Sache mit dem großen „I“ also um Emanzipation gehen. Weg von der ständigen Vereinfachung auf den männlichen Teil der Personengruppe. Da beginnt aber schon das nächste Problem.

Du bist, was du schreibst

Wenn wir uns immer diskriminiert fühlen, falls ein Buchstabe fehlt oder wenn weibliche Studierende den Studentenausweis aus Prinzip boykottieren, schieben wir uns ganz von selbst in eine Opferrolle, die andere uns so gar nicht gegeben hätten. Das ganze Gendering und die politische Korrektheit signalisiert nach außen hin eine Schwäche, mit der wir uns als Frau überhaupt nicht identifizieren sollten. Ein Minderwertigkeitskomplex auferlegt von Feministen und der Gesellschaft. Natürlich möchte ich als gleichwertig zum anderen Geschlecht angesehen werden, aber ist es nicht eigentlich der falsche Weg, mich deswegen erst als minderwertig zu begreifen? Mein Selbstverständnis bestimmt, wie ich wirke und wie ich von der Menge wahrgenommen werde. Und wenn alles Selbstvertrauen von einem „I“ abhängt, dann ist tatsächlich etwas schief gelaufen.

Ehrlich gesagt, ist es mir gleichgültig, ob ich Student oder Studierende bin. Ich verlange von keinem, seine Worte erst perfekt auf ihre möglichen Auslegungen hin zu untersuchen. Ich mag Ecken, die nicht rund sind. Und ich fühle mich nicht unterdrückt oder minderwertig, weil ich mich einfach nicht wegen meines Geschlechtes unterdrücken lasse. Ich möchte nicht als die hilfsbedürftige Personengruppe wahrgenommen werden, die mit sprachlichen Reformen abzuspeisen ist. Wenn ihr für die Rechte der Frauen kämpfen wollt, dann doch bitte für die, die es wirklich brauchen! Und hört auf mit der Verallgemeinerung der Opferrolle auf alle weiblichen Wesen. Denn das ist genauso, als wenn alle LehrerInnen Lehrer wären. Da fehlt das große „I“.

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