Ein Wintermärchen

Geschichten, Unterwegs

Ende letzten Jahres habe ich endlich nochmal etwas zum ersten Mal gemacht. Und dabei wäre es für die meisten Menschen vermutlich das Normalste dieser Welt gewesen. Ich war in den Bergen. So richtig.

Da ich kein begeisterter Wintersportler bin, zog es mich bisher eher an das weite Meer, statt auf die höchsten Gipfel. Doch dieses mal sollte mein Urlaub ganz anders werden. Ein ur-bayrischer Landgasthof, schneebedeckte Gletscher am Horizont und Kaminfeuerromantik nach einem durchgefrorenen Tag. Mein erstes eigenes Wintermärchen. Aber lest selbst:

Es war einmal…

…ein Prinz, der seiner Prinzessin die Größe der Welt zeigen wollte. Also nahm er sie mit zu einem See, der so groß war, dass man sein Ende nicht erkennen konnte. „Sieh nur Prinzessin“, sagte er, „Die Welt ist so weit, dass wir nicht einmal das andere Ufer dieses Sees sehen können.“ Die Prinzessin staunte zunächst, doch dann blickte sie hinauf zu den Möwen und begann zu zweifeln. „Vielleicht können wir nur nicht bis zum Ende schauen, weil wir so klein sind“, meinte sie, „Aber von dort oben müsste man die ganze Welt erblicken können.“ Daraufhin konnte der Prinz nichts Kluges erwidern, also überlegte er kurz und beschloss dann, ihre Reise fortzusetzen.

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So kamen die beiden an den Fuße eines sehr hohen Berges und der Prinz wandte sich an seine Prinzessin: „Wenn wir dort oben stehen, werden wir auf Augenhöhe mit den Vögeln sein und aus ihrer Sicht auf das Land unter uns schauen. Dann siehst du, wie groß die Welt wirklich ist.“ Voller Erwartung saß die Prinzessin also in einem ratternden Zug, der sie dorthin bringen sollte, wo die Vögel flogen. Und als sie ausstiegen und sich umblickten, meinte der Prinz: „Sieh nur Prinzessin! Die Welt ist so weit, dass wir nicht einmal sehen können, was hinter den Bergen liegt.“ Die Prinzessin staunte zunächst, doch dann erblickte sie nicht weit entfernt einen Gipfel, der noch höher lag als der, auf dem sie standen und begann zu zweifeln. „Vielleicht können wir nur nicht bis hinter die Berge schauen, weil wir zu niedrig sind“, meinte sie, „Aber von dort oben müsste man die ganze Welt erblicken können.“ Daraufhin konnte der Prinz nichts Kluges erwidern, also überlegte er kurz und beschloss dann, ihre Reise fortzusetzen.

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So bestiegen die beiden den höchsten Berg des ganzen Landes und der Prinz bemerkte wieder: „Sieh nur Prinzessin! Die Welt ist so weit, dass wir nicht einmal von diesem höchsten Gipfel aus sehen können, was hinter den Bergen liegt.“ Die Prinzessin staunte zunächst, doch dann blinzelte sie hinauf in die Sonne und begann zu zweifeln. „Vielleicht können wir nur nicht bis hinter die Berge schauen, weil wir zu niedrig sind“, meinte sie, „Aber die Mittagssonne dort oben müsste die ganze Welt erblicken können.“ Daraufhin konnte der Prinz nichts Kluges erwidern, also überlegte er kurz, aber wusste zur gleichen Zeit, dass sie niemals zur Sonne würden reisen können. Enttäuscht machte er sich also mit seiner Prinzessin wieder auf den Weg ins Tal.

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Ihre Reise führte die beiden weiter zu einem anderen See und über den Gipfel eines weiteren Berges, wo sie die Wolken berühren konnten. Da staunte die Prinzessin und sagte: „Sieh nur mein Prinz! Wir sind so hoch, dass wir die Wolken kitzeln können, bis sie vor Lachen weinen.“ Also taten sie es und es begann tatsächlich zu schneien. Die Prinzessin lachte und tanzte in den weißen Flocken und vergaß beinahe sich zu fragen, wie groß die Welt eigentlich war.

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Der Prinz und seine Prinzessin wanderten weiter über ein gefrorenes Feld, über das sich seichter Nebel zu legen begann. An den Gräsern hingen Tränen aus Eis, dahinter die schneebedeckten Gipfel, die sich wie eine schützende Hand aus Stein rings um das Tal schlossen. Da staunte die Prinzessin und für einen Moment wurde alles still. Die Zeit schien stehen geblieben zu sein, der Dunst schluckte jedes Geräusch und beinahe vergaß sie sich zu fragen, wie groß die Welt eigentlich war.

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Kurz bevor der Prinz und seine Prinzessin wieder ihr kleines Häuschen mit dem wärmenden Feuer im Kamin erreichten, standen sie noch einer Gruppe von Ziegen und Alpakas gegenüber, die vor lauter Fell kaum aus ihren Augen schauen konnten. Da staunte die Prinzessin und sagte: „Sieh nur mein Prinz! Diese Tiere stehen tagein tagaus auf dem gleichen Stück Wiese und doch scheinen sie sich nicht zu langweilen. Ob sie überhaupt wissen, wie groß die Welt eigentlich ist?“ Daraufhin konnte der Prinz nichts Kluges erwidern, also überlegte er kurz, und beschloss dann, ihre Reise an diesem Abend zu beenden.

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Und während die Sonne langsam hinter den Bergen versank, kuschelten sich der Prinz und seine Prinzessin unter die weichen Decken. Es stand schon fast der erste Stern am Himmel, als die Prinzessin ihm schläfrig ins Ohr flüsterte: „Wir werden wohl nie erfahren, wie groß die Welt wirklich ist, aber sie muss unglaublich riesig sein, wenn wir jeden Tag so viele wunderschöne Dinge sehen können, ohne dass uns auch nur ein Moment davon überflüssig erscheint. Solange wir auf Reisen bleiben und immer nach dem Unbekannten suchen, wird uns ihre Endlosigkeit jeden Augenblick aufs Neue verzaubern.“ Und der Prinz verstand wie Recht sie hatte und küsste seine Prinzessin lächelnd auf die Stirn. „Ich verspreche dir, dass diese Magie nie vergehen wird“, sagte er, doch die Prinzessin schlief bereits tief und fest.

Ende. Und Anfang.

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