Statistisch gesehen

Leben

Eines vorweg: Ich liebe mein Studium wirklich. Ich habe das Gefühl, dass ich nicht für die Prüfungen, sondern für mein Leben lerne und dass ich endlich den Weg eingeschlagen habe, der für mich der Richtige ist. Aber es gibt da so eine Sache, mit der ich mich immer noch nicht so ganz anfreunden mag.

Ich erinnere mich noch gut, wie ich als frisch gebackener Erstsemester in meiner ersten Statistikvorlesung saß und sich folgende Worte wie heißes Wachs in meinen Kopf eingebrannt haben; „Für uns zählt nur der Durchschnitt“, betonte eine zierliche Frau mit fester Stimme, „Der Einzelfall interessiert uns nicht“. Es folgten zahlreiche Methoden, wie eben jener Durchschnitt analysiert und in einen Zusammenhang gesetzt werden könne. Oder anders gesagt; Wie man aus Menschen Zahlen macht, die eine Software mithilfe komplexer Berechnungen in Diagramme und Trends umwandelt. Eine Art Kristallkugel also, mit der wir ein bisschen in die Zukunft schauen können. Wenn man die Irrtumswahrscheinlichkeit mal beiseite lässt…

Was auf der Strecke bleibt, sind die individuellen Geschichten. Besonderheiten werden zu „Ausreißern“ und verborgene Geheimnisse zu „fehlenden Werten“ degradiert. Als wäre das nicht schon sonderbar genug, wird darüber hinaus jedoch versucht von dem Lebenslauf des Einen auf den eines Anderen zu schließen. Fast so, als gäbe es ein Muster oder einen Plan, durch den bestimmte Ereignisse immer zu dem selben Ergebnis führen.
Ich habe selbst mal in die Kristallkugel geschaut und was soll ich sagen? Ich hatte bis jetzt wohl stets den Hang aus der Reihe zu tanzen…

Statistisch gesehen grenzt es an ein Wunder, dass ich überhaupt den Schritt auf die Universität gewagt habe, weil ich aus einem Nicht-Akademiker-Haushalt komme. So nennt man das, wenn Mama und Papa die Dinge lieber praktisch angehen. Des Weiteren bin ich eigentlich zu früh geboren, weil die Mütter ja heutzutage immer älter werden. Aber wenigstens bin ich Einzelkind. Passend zur schrumpfenden Geburtenrate in Deutschland. Vermutlich werde ich aber nicht viel dazu beitragen können, dass sich diese mal ändert, weil meine glückliche Beziehung statistisch gesehen zum Scheitern verdammt ist. Mein Lieblingsmann ist ebenfalls ein Praxismensch, der nie in einem Hörsaal gesessen hat. Unterschiedliches Bildungsniveau innerhalb einer Partnerschaft? „Funktioniert nie!“, sagt die Kristallkugel. Hinzu kommt die sogenannte „Vorbelastung“ durch die Trennung meiner Eltern, die quasi jeden meiner zukünftigen Versuche eine gute Ehe zu führen, gegen die Wand fahren lässt. Aber statistisch gesehen gibt es ja eh immer mehr unverheiratete Frauen. Dann wäre meine tragische Zukunftsvision ja wenigstens im Durchschnitt. Wie tröstlich.

Ich glaube mittlerweile, dass ich ganz zufrieden damit bin, ein „Ausreißer“ zu sein. Natürlich gefällt mir die heile Welt der Spießigkeit wesentlich lieber, aber wenn es um meinen Platz im Diagramm geht, werde ich dann doch eher zum Punk. Und wenn ich in der Uni wieder mit Zahlen, Daten und Trends jonglieren muss, kann ich mir beim Blick auf die Extremwerte ein Grinsen nicht verkneifen. Die wollen sich eben nicht anpassen und das macht sie irgendwie sehr sympathisch. Vermutlich falle ich als angehende Sozialwissenschaftlerin, die ein Problem mit der Wissenschaft hat, mal wieder aus dem Rahmen. Aber ich war ja schon immer etwas anders. Statistisch gesehen.

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