Lieder und Liebe

Leben, Unterwegs

Das diesjährige Weinturm-Open-Air sollte in vielerlei Hinsicht gänzliches Neuland für mich bedeuten. Es sollte mein erstes Festival mit der geliebten Kamera an meiner Seite werden und diesmal meine ich nicht das Einweg-Schätzchen aus dem Drogeriemarkt. Zudem hatte ich mich bis jetzt noch auf kein Musikwochenende gewagt, ohne auch nur einen einzigen Künstler des Line-Ups zu kennen. Und obendrein so fern der Heimat. Doch wie überraschend und anders jene drei Tage wirklich werden sollten, konnte ich zu diesem Zeitpunkt nicht im Geringsten erahnen.

Aber beginnen wir von vorn. Die Sache mit den Fernbeziehungen ist ja, dass sie einen immer an neue Orte und zu unerwarteten Erlebnissen führen. Besonders wenn der „Kulturschock“ über 400 Kilometer lang ist. Mein Freund arbeitet nun schon seit sechs Jahren als freiwilliger Helfer auf dem Weinturm mit, was bedeutet, dass ich ihn in dieser Zeit nur zu Gesicht bekomme, wenn ich selbst dabei bin. Die lang ersehnten Semesterferien und die seltene Chance auf längere Zweisamkeit vor Augen, musste ich nicht lange überlegen, als er mich vor ein paar Monaten fragte, ob ich mitkommen wollte. Das mit der Zeit zu zweit verbuchen wir allerdings mal ganz schnell unter Wunschvorstellung. Aber das sei nur am Rande erwähnt.

Die Zeit verging, die Vorlesungen zogen sich und das immer näher rückende Festival war schon fast etwas in Vergessenheit geraten. Einen Tag vorher dann das plötzliche Erwachen beim Kofferpacken. Was muss ich eigentlich alles mitnehmen? Was läuft da überhaupt für Musik? Was sind da für Menschen? Und warum habe ich schon wieder nichts zum Anziehen? Ich gebe zu, die ersten drei Fragen hätte ich mal recherchieren sollen, aber wenn ich mich schon ins Ungewisse stürze, dann so richtig mit A****bombe.

IMG_2467

Und so landete ich auf einem Berg mit Turm umgeben von fränkischen Feldern und Wiesen. An dieser Stelle muss erwähnt werden, dass diese Aussicht wohl einzigartig für eine Festival-Location ist. Wenn ihr also den perfekten Sonnenuntergang erleben wollt, kann ich den Weinturm nur empfehlen. Noch dazu mit Hintergrundmusik. Was mir jedoch zuerst ins Auge fiel, war die Fülle an überfreundlichen und euphorischen Gesichtern. Von mürrischen Sicherheitskräften oder gestressten Frittenbudenbesitzern keine Spur. Das heißt nicht, dass an Ordnung oder Pommes gespart wurde. Vielmehr merkt man sofort, dass jeder Einzelne nicht für Geld, sondern aus Liebe zu seinem Festival arbeitet. Ehrenamt von seiner besten Seite. Durch mein besonderes Vitamin B und im Austausch gegen ganz viele Fotos, durfte ich mich dank Backstage-Pass super wichtig fühlen und das frisch gegrillte Helferessen genießen (Hach, diese Steaks…). So erkundete ich mit ehrfürchtigen Schritten die Bühne und ihren Graben und knipste mir im wahrsten Sinne des Wortes die Finger wund. Definitiv die coolste Blase, die man sich so holen kann.

DSC_0118

IMG_2421

DSC_0200

Noch cooler war allerdings die Musik, von der ich mich ja gänzlich überraschen lassen musste. Ihr könnt euch das ungefähr so vorstellen: Ich sitze mehr oder weniger gemütlich auf den Bierbänken hinter der Bühne, mümmle mein gefühlt vierzehntes Steakbrötchen und warte, dass die nächste Band anfängt, deren Namen ich wieder nicht aussprechen kann. Plötzlich dringt das erste Lied durch die wummernden Lautsprecher und ich merke, dass es mir gefällt. Mit einem „Ahh, die sind geil!“ lasse ich mein Essen liegen, schnappe meine Kamera und die von meinem Freund – Man will ja vorbereitet sein – und eile mit den Worten „Bin mal kurz weg“ in Richtung des Geschehens. Aus kurz wird etwas länger. Aus einem Konzert werden 200 Bilder. Ich bin jedoch nicht die Einzige, der diese Lieder gefallen. Um mich herum wimmelt es von tanzenden und lachenden Menschen. Alle sind sie hier, um das Leben zu feiern. Auf diesem unscheinbaren Berg im Frankenland. Nur eines fehlt – die undurchdringliche Wand an Smartphone-Kameras, in die jeder Künstler heutzutage normalerweise schaut. Stattdessen gehen erstaunlich leere Hände in die Höhe und das einzige was den hinteren Reihen die Sicht versperrt, sind die erhobenen Bierkrüge. Und plötzlich wird mir klar, dass dieses Festival tatsächlich anders ist.

DSC_0277

Überall hüpfen blanke Füße rhythmisch durch das Gras. Eine Schlammfreiheit, die dieses Jahr nur wenigen Veranstaltungen vergönnt ist. Die Sonne meint es sogar besonders gut mit dem Weinturm, sodass das kühle Nass aus dem Zapfhahn und einem Gartenschlauch kommen muss. Aber nicht nur der Himmel strahlt ungewöhnlich blau an diesen Tagen. Über dem ganzen Gelände scheint eine fast zauberhafte Stimmung zu liegen. Und damit meine ich nicht den magischen Stelzenläufer mit seiner Marionette oder die schillernden Seifenblasen. Ich rede auch nicht von den bunten Schirmen in den Bäumen oder den himmlischen Schokospießen mit gefrorenen Früchten. Vielmehr ist es dieses warme Gefühl des Willkommen seins, gemischt mit einer großzügigen Portion Liebe, das dieses Festival so unvergleichlich macht. Und dabei ist es alles andere als groß oder perfekt. Das Weinturm-Open-Air ist klein, fein und wunderbar menschlich. Die Bands sind nicht unnahbare Gestalten im Scheinwerferlicht. Sie stellen sich mitten in die Menge und tanzen zu anderer Musik oder spielen Bierpong mit den Helfern. Der Sänger, dem die Massen zujubeln, wird genauso gefeiert, wie der Junge, der die Bänke schleppt. Denn jeder Einzelne ist dafür verantwortlich, dass dieses Wochenende ein Fest wird. Und dieser Backstage-Pass macht Einen gar nicht so wichtig, er öffnet bloß einen einzigen Zaun.

DSC_0110-3

Die drei Tage Neuland sind wie im Fluge vergangen, doch es gibt einiges, das bleibt. Zum einen die fast 2000 wertvollen Erinnerungen, die nur darauf warten, gesehen und bestaunt zu werden. Zum anderen der leichte Muskelkater, der mich an die vielen aufregenden Schritte erinnert. Außerdem eine sonnenverbrannte Nase, ein neues Poster an meiner Wand, frische Lieder in meiner Playlist, viele tolle Bekanntschaften und ein großes Herz voll Dankbarkeit, dass ich euch alle kennenlernen durfte. Die Liste der lieben Menschen würde diesen Rahmen vermutlich sprengen, aber jeder einzelne Helfer, jeder Act auf der Bühne, jeder andere Fotograf, jeder Besucher und Alle, die in sonstiger Weise mit dem Weinturm-Festival verbunden sind, sollten sich hiermit angesprochen fühlen. Es war mir ein wahres Fest und ich bin sicher, dass wir uns nächstes Jahr wiedersehen werden. Bis dahin bleiben die Lieder im Ohr und die Liebe im Bauch.

IMG_2517

IMG_2722

IMG_2726

Advertisements

2 Gedanken zu “Lieder und Liebe

  1. Was für ein wunderschöner Bericht, der auch für die Daheimgebliebenen in allen Facetten miterleben lässt welche Stimmung an diesen drei Tagen gefühlt gewesen sein muss !!!

    Auch die extrem professionellen Fotos mit den tollen Farben, laden zum Träumen ein…………..

    Vielen Dank für diese Impressionen !

    F.P.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s