Barfuß

Gedanken, Leben

Wenn du nicht mehr weißt, wie es weitergehen soll, dann frage dich, warum du angefangen hast.

Wir alle kommen irgendwann einmal an diesen Punkt, wo sich die Zahnräder plötzlich aufhören zu drehen. Nichts will mehr so richtig gelingen und die Zweifel, die du eigentlich schon längst begraben hattest, finden ihren Weg zurück ans Tageslicht. Stillstand.

Besonders in Zeiten von Social Media und weltweiter Vernetzung scheint es beinahe unmöglich, nicht nur Eine unter Vielen zu sein. Permanente Vergleichbarkeit, künstliche Natürlichkeit und ein stummer Wettkampf um die meisten Likes. Wer sein Leben in die Öffentlichkeit bringt, zieht sich aus. Nackt im Scheinwerferlicht der Welt. Doch viel zu oft reicht selbst das nicht mehr aus. Weil sie alle nackt sind und es dennoch keinen interessiert. Jeder ist so angestrengt mit seinem eigenen Spiegelbild beschäftigt, dass die Glanzbilder der Anderen in unbemerkten Momenten vorbeifliegen. Und dabei wollten sie alle doch nur ein bisschen Aufmerksamkeit.

Ehe man sich versieht, tut man das, was man einst liebte, nur noch damit andere es lieben. Wir verschenken unsere Leidenschaft an ein Spiegelkabinett aus Perfektion.

Ich möchte mich nicht länger ausziehen. Ich will mich nicht verbiegen, bis ich in die aktuelle schönste Form passe. Und erst recht möchte ich meine Liebe nicht verlieren. Die Fotografie erfüllte mich schon lange bevor es passende Apps zum Teilen gab. Ich fing Momente ein, die für mich von großer Bedeutung waren – ohne sie für alle bedeutungsvoll machen zu wollen. Und irgendwie fühlte sich das richtiger an.

Vor ein paar Wochen habe ich nochmal meine analoge Kamera aus dem Regal genommen. Ich musste mir zweimal überlegen, ob dieser Augenblick ein Bild weniger von 36 wert war. Und ich wusste bis zu seinem fertigen Abzug in meiner Hand nicht, ob ich mich richtig entschieden hatte. Einerseits war diese Art der Fotografie eine Mühsamere, andererseits erinnerte sie mich daran, wie alles begann. Warum ich mich stundenlang in einer Blumenwiese verlieren konnte und wie sich das Gras zwischen den nackten Zehen anfühlte. Die Zahnräder begannen sich wieder zu drehen und die Liebe kehrte zurück.

Ich werde mich nicht mehr für die Welt ausziehen, aber die Schuhe bleiben im Regal. Wenn ich barfuß das Leben spüre, dann weiß ich wieder warum ich angefangen habe.

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