Die Stadt der nördlichsten Nördlichkeit

Nach den eindrücklichen Erlebnissen auf Isfjord Radio geht es bei strahlendem Sonnenschein zurück nach Longyearbyen. Spitzbergens „Hauptstadt“ war bis zu diesem Tag nicht mehr als ein Ort der Durchreise für uns, das Tor zur arktischen Wildnis. Nun wollen wir zum Abschluss unserer Reise aber endlich einen genaueren Blick auf die bunten Häuser dieser nördlichen Metropole werfen …

Unsere letzte Bootsfahrt auf der Insel führt uns über eine himmlisch ruhige See, vorbei an malerischen Berglandschaften und vereinzelten Schäfchenwolken. Kaum zu glauben, dass sich diese einzigartige Reise schon bald ihrem Ende nähert.

Die erste Nacht zurück in der Zivilisation tut gut.

So gerne ich auch dem Ruf der Wildnis folge, umso mehr weiß ich die heiße Dusche danach zu schätzen. Neben diesen hygienischen Annehmlichkeiten hat Longyearbyen aber noch wesentlich mehr zu bieten:

Da wären zunächst einmal die kunterbunten Häuser, die sich inmitten von einem Meer aus arktischer Zuckerwatte ordentlich nebeneinander aufreihen. Dann die wenigen – dafür jedoch unverwechselbaren – Verkehrsschilder, mit denen jeder Touri ein Selfie gemacht haben muss. Außerdem ein Sommerparkplatz für Schneemobile, ein Hipstercafé voller Schlittenhunde sowie der Hausgletscher direkt am Ortsausgang.

Was für mich aber mehr als alles Andere mit der Stadt auf dem 78. Breitengrad verbunden bleibt, ist die gefeierte Nördlichkeit an jeder Ecke.

Vermutlich war es zu Beginn einfach eine kreative Werbeidee, mittlerweile ist daraus jedoch ein universelles Adjektiv geworden, ohne das in Longyearbyen nichts und niemand mehr auszukommen scheint. Hier gibt es nicht bloß eine Tankstelle – hier gibt es die Nördlichste Tankstelle der Welt.

Ebenso verhält es sich mit dem Nördlichsten Golfclub der Welt, dem Nördlichsten Malerbetrieb der Welt, der Nördlichsten Zeitung der Welt und auch das Nördlichste Sushi-Restaurant der Welt darf natürlich nicht fehlen. Auch wenn die Werbetafeln auf den Gebäuden dadurch etwas länger ausfallen, haben sie doch einen entscheidenden Vorteil: Man vergisst nie, wie weit oben man hier wirklich ist.

Ein anderer spannender Teil von Longyearbyen ist einfach mitten in der Landschaft verstreut: Historische Relikte einer Blütezeit der Kohleförderung, die heutzutage einen großen Outdoor-Spielplatz für Fotografinnen und Fotografen darstellen.

Um die letzten Tage auf Svalbard noch mit ein bisschen Nervenkitzel zu füllen, buchen wir spontan eine Quad-Tour.

Gefolgt von einer Wolke aus Staub und eingekleidet in Astronauten-Outfits lassen wir die Häuser der Stadt hinter uns und düsen über die wenigen Kilometer „Straße“, die die Insel zu bieten hat.

Dabei fühle ich mich wie in einer dieser Apokalypsen-Serien, in der die letzten Menschen auf Erden durch eine unwirtliche und raue Landschaft brettern. Erstaunlicherweise haben motorisierte Fahrzeuge in solchen Serien auch immer den Weltuntergang überlebt.

Die Weite um mich herum ist berauschend und als kuscheligen Abschluss des Abenteuers besuchen wir noch ein Hotel für Schlittenhunde, wo wir alle 118 (!) Huskys einzeln knuddeln dürfen.

Am Abend gibt es dann das Kontrastprogramm zur Endzeit-Action: Wir genießen ein außergewöhnliches Essen in einem ehemaligen Lagerhaus aus der Grubenvergangenheit von Longyearbyen.

Vor dem Fenster grasen Rentiere, während wir immer noch damit beschäftigt sind, das Alles zu begreifen.

3 Jahre haben wir nun auf diese Augenblicke gewartet. Auf die Reise, die Insel und das Abenteuer Arktis. Ich bin dankbar, dass wir das Warten nicht aufgegeben haben und dass wir nun ein Stück des ganz hohen Nordens mit eigenen Augen sehen durften.

Ich glaube, an diesem Abend bin ich die glücklichste Weltenentdeckerin – im Nördlichsten Gruben-Restaurant der Welt.

1 Kommentar

  1. Frank Peter sagt:

    Wow, was für ein Hammerabschlusspost unserer Arctic-Reise, tausend Dank!!!

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